Prolog Die geologischen Voraussetzungen der Industrialisierung liegen über 300 Millionen Jahre zurück in der Karbonzeit, als das spätere Ruhrgebiet noch am Äquator lag. In den sumpfigen Niederungen einer ausgedehnten Küstenlandschaft entstanden aus der unter Luftabschluss und Druck gepressten Vegetation Kohleschichten, so genannte »Flöze«. Unterbrochen werden sie von »Bergen«, Schichten aus Sand-, Silt- und Tonsteinen. In keinem Steinkohlerevier sind die geologischen Voraussetzungen für den Abbau so kompliziert wie hier. Die Kohle führenden Schichten sind in Falten zerlegt und übereinander geschoben. Im Süden des Ruhrgebiets erreichen sie die Erdoberfläche, aber nach Norden hin, im Gebiet von Emscher und Lippe, werden sie von Sand- und Lössschichten sowie Meeresablagerungen – der so genannten Mergeldecke – mit einer Mächtigkeit von bis zu 500 Metern überlagert. Entstehung, Qualität und Lagerung der Kohle waren Millionen Jahre später entscheidend für die industrielle Entwicklung des Ruhrgebiets.
Anfänge (1750-1830) Natürliche Grenzen der Wirtschaft und deren Einengung durch traditionelle Strukturen kennzeichneten die agrarisch geprägte Gesellschaft im Ruhrgebiet am Vorabend der Industrialisierung. Es war der preußische Staat, der aus wirtschaftlichem Interesse mit Reformen wie der Bauernbefreiung, der Gewerbefreiheit und den Bergbauordnungen die gesetzlichen Voraussetzungen für die Industrialisierung schuf. Hinzu kamen Erleichterungen des Handels durch die Aufhebung von Zollschranken. Der Bau von Straßen und die Schiffbarmachung der Ruhr waren erste Maßnahmen zur Entwicklung einer industriellen Infrastruktur. Pioniere wie Franz Dinnendahl und Franz Haniel, Heinrich Arnold Huyssen und Mathias Stinnes, Friedrich Krupp und Friedrich Harkort brachten den Industrialisierungsprozess in Gang. Sie kurbelten den Bergbau an der Ruhr an, verschifften die Kohle an den Rhein und gründeten auf der Basis der heimischen Rohstoffe, vor allem des Raseneisenerzes, die ersten Eisenhütten und Stahlfabriken.
Durchbrüche (1830-1870) Am Beginn dieser Phase steht ein Ereignis, ohne das die rasante Entwicklung der Ruhrgebietsindustrie nicht möglich gewesen wäre: die Durchteufung der Mergeldecke, jener stark wasserführenden Schicht über den Kohleflözen nördlich der Ruhr, durch den Einsatz der Dampfmaschine. Mit der am Hellweg geförderten Fettkohle konnte nun die Verhüttung von Eisenerzen mit Koks erfolgen. Die Montanverbindung von Kohleförderung und Eisen- und Stahlerzeugung war geschaffen. In der Folge entwickelten sich die Unternehmen zu Mischbetrieben, die durch die enge Verbindung des Bergbaus mit der Eisen- und Stahlindustrie ihren Bedarf gegenseitig steigerten. Entscheidend war eine Reihe technischer Erfindungen und der Bau der Eisenbahn. Die regionalen Erzvorkommen waren bald erschöpft, schon in den 1860er Jahren begann der Import von Erzen. Die nun als Aktiengesellschaften organisierten Betriebe präsentierten dem Weltmarkt auf Industrieausstellungen ihre Produkte. Das Ruhrgebiet trat schon früh global in Erscheinung.
Hochindustrialisierung (1870-1914) Bereits am Ende des 19. Jahrhundert hatte die Industrie im Ruhrgebiet ihren Höhepunkt erreicht und die Strukturen herausgebildet, die bis zur Krise der 1950er Jahre relativ unverändert bleiben sollten. Die Konzerne der Montanindustrie schlossen sich zu mächtigen Kartellen und Unternehmensverbänden zusammen. Dabei verbanden sich ihre wirtschaftlichen Interessen mit der nationalen Ideologie des deutschen Kaiserreiches, dessen imperiale Rüstungsprogramme die Schwerindustrie im Ruhrgebiet weiter ankurbelten. Der Kohleabbau hatte die Emscherzone weiträumig erfasst. Hier entwickelte sich eine komplexe Industriegesellschaft, deren Kennzeichen enormes Bevölkerungswachstum, massenhafte Zuwanderung, Verdichtung von Industrie- und Stadtlandschaften und spezifische proletarische Lebensformen waren. Gegen die schweren und gefährlichen Arbeitsbedingungen richteten sich die Forderungen und Streiks der entstehenden Arbeiterbewegung. Die der Natur zugefügten Schäden gefährdeten die Gesundheit der Menschen.
Zerstörungen und Wiederaufbau (1914-1957) Durch die beiden Weltkriege kam dem Ruhrgebiet zweimal eine Doppelfunktion zu, die seine Bedeutung als montane Industrieregion in Deutschland zementierte: Es war Rüstungszentrum in den Kriegen und anschließend Kristallisationskern des Wiederaufbaus. Im Ersten Weltkrieg trafen der Hunger, im Zweiten Weltkrieg der Bombenkrieg das Ruhrgebiet besonders hart. Zwischen den Weltkriegen kam es zu revolutionären Erhebungen, vor allem während des »Ruhrkampfes« 1920. Das Ruhrgebiet war intensiv in die Verbrechen des Nationalsozialismus verstrickt. Massive Rationalisierung und Mechanisierung im Bergbau und neue Verwendungen für die Kohle bei der Elektrizitäts- und Gaserzeugung verfestigten die montane Struktur des Ruhrgebiets. Dazu gehörte auch die neu entstehende Chemieindustrie an der Lippe. Die Verstetigung des industriellen Ballungsraums führte aber auch zu einer verstärkten Urbanisierung, in der die Voraussetzungen für den Wiederaufbau als Stadtregion nach 1945 geschaffen wurden.
Strukturwandel (1957-2010) Die Kohlekrise der späten 1950er Jahre traf das Ruhrgebiet unvorbereitet im Wirtschaftswunder. Es folgte ein fünfzig Jahre langer Strukturwandel, der bis heute anhält. Er war geprägt von einem massiven Zechensterben, ab den 1970er Jahren von der Schließung von Stahlfabriken und Hochöfen und schließlich auch von Firmen der Nachfolgeindustrien. Begleitet wurde er von Protesten, Rettungsversuchen und Strukturprogrammen, sozialen Verwerfungen und Milieuveränderungen. Das Ergebnis ist ein immer noch existierender Rest-Bergbau in großer Tiefe nördlich der Lippe, eine stark rationalisierte, hoch produktive Stahlindustrie und eine moderne Produktions- und Dienstleistungswirtschaft. Diese ist besonders erfolgreich dort, wo ihre Wurzeln im Industriezeitalter liegen, in der Energie- und Bauindustrie, im Transport und in der Logistik. Entstanden ist aber auch eine beeindruckende Bildungs-, Freizeit- und Kulturlandschaft mit einem hohen Naturanteil in der ehemaligen Industrielandschaft.
Bilanz Die Begleiterscheinungen des Industrialisierungsprozesses bestanden in einem hohen Maß an menschlichem Elend und sozialer Ungleichheit. Zur Kehrseite des industriellen »Fortschritts« gehören auch die vernichtendsten Kriege der bisherigen Geschichte, gehört auch die »industrielle« Vernichtung des europäischen Judentums. Heute sind Gesellschaft und Wirtschaft im Ruhrgebiet grundsätzlich durch ein Ausmaß an Wohlstand, Lebensqualität, Bildung und Partizipation gekennzeichnet, wie es den Menschen vor 200 Jahren unvorstellbar gewesen wäre. Das Ruhrgebiet muss noch lange mit den ökologischen Altlasten der Industriezeit leben. In den abgesackten Bergbaugebieten wird man bis in die Ewigkeit Wasser pumpen, damit hier Menschen leben können. Die mit Industrieablagerungen belasteten Böden müssen aufwendig saniert und kontrolliert werden. Aber die Industrie hat aus dem Ruhrgebiet auch eine ökologische Einheit gemacht. Die Artenvielfalt dieser neuen Industrienatur ist heute größer als je zuvor.
Ausblick In einer kurzen Phase der Menschheitsgeschichte – der Industriezeit – wurde ein großer Teil der in Millionen Jahren gewachsenen fossilen Brennstoffe verfeuert. Das Ruhrgebiet ist dafür eine exemplarische Region. Es ist absehbar, dass viele bisher kaum industrialisierte Länder diesem Weg folgen werden – mit katastrophalen und voraussehbaren Auswirkungen auf das globale Klima. Nur mit einer drastischen Abkehr von den fossilen Energien und der Entwicklung einer alternativen und nachhaltigen Energiewirtschaft ist diese Entwicklung noch zu vermeiden oder zumindest erträglich zu gestalten. Im Industriezeitalter wurde in langen, erbitterten Auseinandersetzungen die Teilhabe aller am politischen System erkämpft. Zu hoffen ist, dass dies auch in den Ländern und Gesellschaften geschieht, in denen die Industrialisierung erst begonnen hat. Offen bleibt, ob sich mit der Transformation der klassischen Industriegesellschaften auch die demokratischen Strukturen zurückentwickeln werden oder ob die Entwicklung zur Demokratie kulturell verankert und damit unumkehrbar ist.
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